Talente finden

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Die gesellschaftspolitische Plattform zur Entdeckung und Förderung von Begabungen und Talenten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland und Europa.

Man kann meine Geschichte nicht losgelöst von der meines Kindes betrachten, und die meines Kindes nicht unabhängig von meiner. Hier ist also UNSERE Geschichte:Dass ich „anders“ bin, habe ich schon sehr früh gemerkt, ab Eintritt in den Kindergarten kurz nach meinem 3. Geburtstag.

Das war 1974 in der ehemaligen DDR. (Meine früheste Kindheitserinnerung ist eine Begebenheit, der ich mit einem Jahr und acht Monaten ausgesetzt war, weitgehend lückenlose Erinnerung habe ich seit einem Alter von etwa zweieinhalb Jahren. Meine Erinnerungen sind extrem plastisch und detailreich, teilweise erinnere ich mich wortwörtlich an Dialoge, die mehr als 40 Jahre zurückliegen.)Ich war also anders, und ich war ein Außenseiter. Ich wurde von den Erzieherinnen im Kindergarten ausgeschimpft, weil ich als Tischdienst die Teller „zwei, vier, sechs, acht“ oder auch „drei, sechs, neun, zwölf“ abzählte und nicht „eins, zwei, drei, vier“. Ich solle gefälligst richtig zählen, und die anderen Kinder haben mich ausgelacht, weil ich nicht richtig zählen konnte. Ich war eher still und ruhig, habe lieber beobachtet, als zu anderen Kontakt aufzunehmen (ich habe es bleiben lassen, weil ich mich von vorn herein nicht akzeptiert gefühlt habe), und habe lieber gelesen – das hatte ich mir mit vier selber beigebracht. Wenn ich doch mal auf andere Kinder zuging, wurde meine Erwartung meist bestätigt: ich wurde abgelehnt, durfte nicht mitspielen, häufig gingen die Kinder sogar weg, wenn ich kam. Einmal wurde ich von einem gleichaltrigen Jungen grundlos angespuckt. Er kam auf mich zu, gurgelte und ergoss einen vollen Mund Spucke über mich und mein Kleid (es war mein Lieblingskleid, deswegen war das besonders schlimm). Ich habe mich so schrecklich geekelt! Ich hatte den Ruf des Mauerblümchens und der Heulsuse – ich war sehr emotional und mir kamen oftmals die Tränen, z.B. bei berührenden Geschichten oder in scheinbar „unpassenden“ Situationen. Ich galt spätestens dann vollends als „zurückgeblieben“, als ich als Vorschülerin verweigerte, drei Gegenstände nach der Größe zu ordnen. „Die ist eben noch nicht so weit, die kann das einfach noch nicht!“ Ich fühlte mich außerordentlich dumm. Aber war denn dieses nach der Größe ordnen nicht furchtbar kindisch?Zu Hause war zu dieser Zeit noch alles gut. Noch. Meine Mutter hat mich nicht daran gehindert, wenn ich mir Expeditions- und Forschungsberichte über Tiere, Pflanzen und „ferne Welten“ aus dem Regal genommen und gelesen habe. Sie hat auch immer alle meine Fragen beantwortet. Auf die Idee, mit meiner Mutter über meine „Anderswelt“ und meine Leiden im Kindergarten zu reden, bin ich aber nie gekommen. Die Erzieherinnen auch nicht. So konnte meine Mutter nicht ahnen, wie es mir ging, während ich davon überzeugt war, dass sie es freilich auch wissen müsse, ohne darüber zu reden – Mama weiß schließlich alles. Ich wusste ja schließlich auch, wie sich andere fühlen, ohne dass sie es mir gesagt haben. Ebenso wenig bin ich damals auf die Idee gekommen, dass es etwas Außergewöhnliches war, dass alle Zahlen farbig waren. Ich hatte deswegen große Schwierigkeiten, „Malen nach Zahlen“ auszuführen. Es war doch logisch, das die 4 rot, die 5 grün und 6 blau ist, warum um alles in der Welt wird in dem Bild gefordert, die 4 gelb, die 5 lila und die 6 rosa auszumalen??? Das geht doch gar nicht, das passt doch alles überhaupt nicht zusammen! Von Synästhesie habe ich 30 Jahre später zum ersten Mal etwas gehört.Zur Einschulung konnte ich nicht nur fließend lesen, sondern mit allen vierGrundrechenarten sicher umgehen. Schule war gleichbedeutend mit Langeweile, 12 Jahre lang. Trotzdem war ich ein „Überflieger“, habe niemals gelernt oder bewusst und absichtlich etwas für die Schule getan, nicht einmal vor den Prüfungen, aber ich habe ein 1er Abi. Ich hätte liebend gerne eine oder zwei Klassen übersprungen, doch das gab es in der DDR nicht. Ich war natürlich auch in der Schule nie wirklich ein Mitglied des Klassenverbandes. Die Leerer [sic!] haben mich, pädagogisch extrem wertvoll, zu allem Überfluss auch noch vor die Klasse gestellt und sagten „schaut euch die mal mal an, sie ist fleißig, sie hat immer gute Zensuren, so wie sie müsst ihr es auch machen“. Niemand hat mir geglaubt, dass ich überhaupt nichts tat, nie lernte, doch den „Streber“ hatte ich weg. Außenseiter. Mauerblümchen. Aber meine Emotionen hatte ich inzwischen besser unter Kontrolle, nach außen hin – indem ich einfach überhaupt keine mehr zeigte. Dafür hingen mir nun zusätzlich Attribute an wie hart, versteinert, unnahbar, kalt.Ich habe nirgendwo dazugehört. Mit niemandem konnte ich mich über das unterhalten, was mich wirklich interessiert und fasziniert hat. Das waren vor allem Ethnologie und Linguistik südostasiatischer Völker sowie Medizin. Seit meinem 4. Lebensjahr äußerte ich auf die Frage nach dem Berufswunsch, die Erwachsene gern an Kinder richten, aus tiefster innerer Überzeugung: „Ich werde Ärztin!“Niemand konnte mir das Wasser reichen, kein Lehrer, und meine Familie schon gar nicht. Aber sie hat mich aber dahingehend unterstützt, indem sie mir half, entsprechende Literatur aufzutreiben (man bedenke: DDR!) (Meine Mutter war Industriekauffrau, mein Vater bildender Künstler, sie waren geschieden und meine Mutter seit meinem 5. Lebensjahr alleinerziehend mit mir und meinem älteren Bruder – es gab keine Akademiker in meiner Familie).Was zunehmend kritischer wurde, war mein Verhältnis zu meiner Mutter. Zu unterschiedlich waren ihre und meine Auffassungen von Ordnung. Bei mir herrschte stets das kreative Chaos (warum soll ich wegräumen, was ich morgen ja doch wieder brauche – ich wusste immer genau, wo was war, brauchte nie zu suchen, außer, ich hatte dann tatsächlich mal „aufgeräumt“, dann fand ich mich in meinem eigenen Zimmer nicht mehr zurecht). Es spielten sich unschöne Szenen ab. Weil meine Mutter mir „Ordnung beibringen“ wollte, flog der Inhalt ganzer Schränke die Treppe hinunter (sie hat sie einfach ausgekippt) – ich musste das dann „aufräumen“. Das war doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit – SIE wirft’s herunter, ICH muss es nach ihren Kriterien von Ordnung wieder einsortieren! Das habe ich nicht begriffen, und begreife es bis heute nicht. Die Folge war kompletter Rückzug, auch zu Hause. Ich habe außer belanglosem Blabla mit niemandem mehr gesprochen, obwohl ich mich so sehr nach tiefgründigen Gesprächen und Lösungen sehnte. Mir hat meine Mutter in dieser Zeit Dinge vorgeworfen, die mich schwer getroffen und mir sehr, sehr weh getan haben: verstockt und verschlossen sei ich, eiskalt, knallhart und gefühllos wäre ich, würde kein Mitleid kennen, egoistisch sein. Solche Worte aus dem Mund meiner eigenen Mutter! Jedes einzelne ein Peitschenhieb. Dabei war ich so voller Gefühle, so voller Emotionen, so sensibel, so voller Verletzlichkeit und Zerrissenheit, voller Probleme - ich wusste nicht wohin damit, und meine Mutter schien mir als Vertrauensperson zum Reden über all das nicht geeignet. Alles was ich hatte, waren meine Tränen. Ich habe mich oft abends in den Schlaf geweint. Ein, zwei Mal hatte ich den Versuch unternommen, mit meiner Mutter zu reden, um als Antwort ein „na, sooo schlimm ist das ja nun auch wieder nicht, reiß‘ dich einfach ein bisschen zusammen“ zu erhalten. Danach habe ich es nie wieder versucht. Sondern mich eben zusammengerissen, noch weniger von meinem eigentlichen Ich preisgegeben, meine Probleme mit selber ausgemacht (aber letztlich auch Lösungen gefunden). Ich hatte noch andere Probleme zu Hause, familiärer Art, mit meiner Großmutter, aber das waren für meine Mutter keine Probleme, also hatten es für mich auch keine zu sein. Reiß' dich einfach zusammen!Ich habe mit etwa acht, neun Jahren begonnen, mir ernsthafte Gedanken darüber zu machen, ob meine Mutter mich überhaupt liebt. Das hat sie nämlich sehr oft, ja täglich sogar, beteuert. Dieser totale Widerspruch war mir absolut unbegreiflich: einen Menschen, den man liebt, dem tut man doch nicht so weh?! Und außerdem, wenn sie mich so liebt, dann muss sie doch merken, wie schlecht, ja besch… es mir geht! Wenn man einen Menschen so sehr liebt, ihm so sehr nahe ist, dann muss man doch dessen Leiden auch ohne Worte merken?! Ich dachte immer, dass eine Mutter ihr Kind so liebt, wie es ist – warum hat meine Mutter meine Liederlichkeit nicht einfach akzeptiert und hingenommen? Warum verletzt sie mich mit Vorwürfen, die mich im Innersten trafen? Ich hatte immer panische Angst davor, dass sie mein Zimmer betrat, weil dann der nächste große Krach vorprogrammiert war – wo ich doch eigentlich so schrecklich harmoniebedürftig war und doch bloß schlicht und ergreifend so angenommen werden wollte, wie ich nun mal bin – unordentlich, chaotisch, kalt, hart und verschlossen… (Ich wusste damals noch nicht, dass es nur wenige Menschen gibt, die Gefühle und Bedürfnisse anderer erspüren und erfassen können, ohne dass sie ausgesprochen werden. Ich kann das und hielt das für völlig normal. Meine Mutter kann das nicht. Aber auch das habe ich erst 30 Jahre später erfahren.)Komischerweise galt ich in den höheren Schuljahren gleichzeitig nach außen hin als überaus selbstbewusst, als Powermädchen bzw. –frau, die keine Probleme kennt bzw. solche unverzüglich und mühelos mit links löst. Auch meine Mutter sagt heute, ich wäre immer ein fröhliches Kind gewesen und ihr wäre nie etwas an mir aufgefallen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Umwelt darauf kommt, denn wenn ich eines nicht hatte, dann war das Selbstbewusstsein, so klein und schwach und unvollkommen und voller negativer Attribute, so SCHLECHT wie ich war… Diesen Widerspruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung begreife ich bis heute nicht.Er ist mir wirklich absolut unbegreiflich!Jemandem, dem ich mich anvertrauen konnte, hatte ich nicht. Manchmal habe ich es bei meinem Bruder versucht, der aber in meinen Augen „normal“ und nicht so „anders“ war als ich und deshalb dafür nicht wirklich Verständnis hatte. Er hat nie etwas dazu gesagt, aber er hat mir zugehört. So hatte ich wenigstens das Gefühl, er nähme sich meiner Probleme an. Umso gedemütigter fühlte ich mich, als (da war ich 14) ich eines Tages nach Hause kam und meine Zimmertür mit einem von meinerMutter und meinem Bruder gemeinsam gebastelten und unterschriebenen „Saustall“Plakat verziert vorfand. Das war der endgültige Bruch. Von diesem Tag an habe ich mich innerlich vollends von meiner Familie distanziert. Ich habe mich ihr seit dem (und bis heute!) nicht mehr wirklich zugehörig gefühlt. Wir lebten zwar weiterhin körperlich alle unter einem Dach, aber das war nicht mehr „meine Familie“.Wenig später lernte ich meine erste große Liebe kennen – einen Medizinstudenten aus einem südostasiatischen Land. Er war wesentlich älter als ich, aber in der Liebe zu diesem Mann fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben bedingungslos angenommen, akzeptiert, geachtet, respektiert, verstanden um meiner Selbst willen, so wie ich war; zum ersten Mal konnte ich mich auf Augenhöhe mit jemandem austauschen, über mich, meine Gefühle, meine Probleme, und vor allem auch über meine Spezialinteressen Medizin und Südostasien. Fünf Jahre später ging der Mann als ausgebildeter Arzt in sein Heimatland zurück. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Über diesen Verlust bin ich Jahrzehnte lang nicht hinweg gekommen.Später habe ich, wie ich es mit vier schon sagte, tatsächlich Medizin studiert (mühelos und ebenfalls mit einem 1er Durchschnitt) und viele Jahre als Entwicklungshelfer in dem südostasiatischen Land gearbeitet, aus dem mein erster Freund stammte. Dort, so spürte ich schon bei meiner Ankunft am Flughafen, dort war meine eigentliche Heimat, dort waren Menschen, denen ich mich nahe fühlte, viel, viel näher fühlte als meiner Familie, ich fühlte mich ihnen und der Kultur zugehörig und verbunden, ich konnte meine Sprachkenntnisse anwenden, ich konnte auf wunderbare Weise meine beiden größten Steckenpferde Medizin und Ethnologie/Linguistik verbinden - und gleichzeitig den Ärmsten der Armen helfen. Dort fühlte ich mich nicht anders, sondern akzeptiert und angenommen, ohne dass ich mich anpassen, verstellen, zusammenreißen musste. Obwohl es äußerlich an allem mangelte, herrschte in mir ein tiefer innerer Frieden. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ - dieses Gefühl hatte ich dort (und NUR dort!). DORT bin ich zuhause! Es war die schönste Zeit meines Lebens.Im Studium hatten wir die Möglichkeit, im Rahmen der Psychologie-/Psychiatrievorlesungen auf freiwilliger Basis einen Intelligenztest durchführen zu lassen. Das klang interessant und lustig, also meldete ich mich beim Professor dafür an – aus reiner „Jux und Dollerei“. Ich weiß nicht mehr, welcher das war, aber er hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe ihn aber nicht wirklich als etwas Ernstes betrachtet. Ich erwartete rein gar nichts und hatte den Test im Grunde mit Verlassen des Raumes schon wieder vergessen. Umso überraschter war ich, als mich der Prof. eines Tages zu sich bat: „Wussten Sie eigentlich, dass Sie hochbegabt sind?“ Ich habe schallend gelacht, weil: hochbegabt sind nur andere, nicht ich! Außerdem fand ich mich zwar anders, aber so ungewöhnlich nun auch wieder nicht. Ich hatte damals allerdings auch noch unzureichende und im Wesentlichen falsche Vorstellungen von Hochbegabung. Ich habe diese Information also irgendwo im Gehirn abgespeichert und mich viele Jahre nicht mehr darum gekümmert.Das tat ich erst dann, als ich, aus dem Ausland zurück, mittlerweile 37 und Mutter eines kleinen Jungen war. Dieser kleine Junge war irgendwie...anders. Anders als andere Babys. Er wurde mit vollständiger Kopfkontrolle geboren, er musste das Halten und Koordinieren des Köpfchens aus keiner Körperposition heraus erst lernen. Er konnte es einfach. Der Kinderarzt meinte, das wäre als sehr selten in der Fachliteratur beschrieben. Dieser kleine Junge schlief fast nie, aber er schrie auch fast nie. Er konnte bereits als Neugeborener stundenlang fasziniert das Spiel aus Licht und Schatten der Blätter unter einem Baum beobachten. Dieser kleine Junge hat mit 7 Wochen das erste Mal gezielt nach einem Gegenstand gegriffen. Dieser kleine Junge hat mit acht Monaten Gegenstände nach Form und Farbe sortiert. Er hat lange vor seinem ersten Geburtstag Wörter gesprochen, kurz nach seinem ersten Geburtstag Zweiwortsätze gebildet und um den zweiten Geburtstag herum vollständige, grammatisch völlig korrekte Sätze verwendet. Das erste „Ich“ kam mit 15 Monaten, das erste „Warum“ mit etwa 20. Dieser kleine Junge war aber andererseits auch extrem geräuschempfindlich (mein plötzliches Niesen konnte in panischen Schreikrämpfen münden, aus denen er kaum wieder herauszubekommen war). Einschlafen im hellen Raum unter Alltagsgeräuschen war absolut unmöglich – das ging nur im komplett abgedunkelten Zimmer und unter völliger Ruhe. Dann störte es ihn auch nicht, wenn er dabei völlig allein war. Dahingegen geriet er bei klassischer Musik (vor allem Barockmusik) in regelrechte Verzückung. Dabei konnte der Paukenschlag nicht laut genug sein - das war kein Problem, das Klingeln eines Telefons dagegen sehr. Mit zweieinhalb haben wir auf seine konkreten Fragen hin Dinge wie die Entstehung der Jahreszeiten oder Plattentektonik und Vulkanismus diskutiert. Mit drei trug er den Wunsch an mich heran, das Geigenspiel erlernen zu wollen. Dieser Wunsch wurde so lange so beharrlich und so vehement geäußert, dass ich ihm zum 4. Geburtstag einen Musikschulvertrag und ein Leihinstrument vom Geigenbauer auf den Gabentisch legte. („Ihr Sohn hat so ein außerordentlichesTalent, dass es jammerschade wäre, ihn nicht entsprechend zu fördern!“). Bis heute (er ist inzwischen reichlich sieben) ist die Geige seine große Passion – am liebsten spielt er Barockmusik. Und es steht für ihn fest, dass er Geiger, eventuell auch Dirigent werden möchte, seit er seinem Instrument die ersten Töne entlockte. Warum auch nicht? Ich bewerte das nicht über, aber nehme es durchaus ernst, schließlich wollte ich auch mit vier Ärztin werden und habe das tatsächlich umgesetzt!Auch mein Sohn hat sich Lesen und Rechnen selbst beigebracht, genau wie die Uhr. All das konnte er schon sehr lange vor Schuleintritt. Er hatte jedoch zum Glück, anders als ich, eine völlig problemlose und sorgenfreie Kindergartenzeit. Das offene Konzept kam ihm sehr entgegen. Er hat stets bei Aktivitäten mitgemacht, die eigentlich für ein bis zwei Jahre ältere Kinder gedacht waren. Selbst im Vorschuljahr war so viel Interessantes dabei, dass er nur selten über Langeweile klagte (eigentlich klagte er nur die allerletzten vier Wochen über Langeweile). Er hätte auch problemlos ein Jahr eher eingeschult werden können, hat dies aber abgelehnt, weil es ihm im Kindergarten so gut gefiel und er gemeinsam mit seinen Freunden regeleingeschult werden wollte. In der Schule gab es nach sechs Wochen die erste Langeweile-Krise („Wenn das die nächsten 10 Jahre so weiter geht, dann gehe ich keinen einzigen Tag länger dorthin!“), die aber durch meine sofortige Intervention und dank eines sehr verständnisvollen und engagierten Klassenlehrers mit individualisiertem Unterricht erfolgreich bekämpft wurde. Seither war Langeweile in der Schule nie wieder ein Thema. Ein Klassensprung wäre ebenso problemlos möglich (sowohl seitens seiner Fähigkeiten, als auch seitens der Schule), wird aber von meinem Sohn explizit nicht gewünscht bzw. käme für ihn nur allerletzte Lösung in Betracht, weil er sich im Klassenverband gut integriert fühlt, bei seinen Freunden und vor allem auch bei diesem Klassenlehrer bleiben möchte.Mein Sohn erschien mir von Anfang an – obwohl als Mutter natürlich alles andere als objektiv – in seiner Entwicklung und seinem Verhalten sehr ungewöhnlich. Ich begann zu recherchieren, und kam so letztlich auf meine eigene Hochbegabung zurück. Erst jetzt (und durch eine Psychotherapie, die ich machte, weil ich wegen einer anderen Sache akut suizidgefährdet war) wurde mir klar, warum ich so bin, wie ich bin, warum es letztlich so viele Missverständnisse und unglückliche Situationen in meiner Kindheit gab, dass ICH diejenige bin, die man oft schwer verstehen kann und warum. Ich bin, wie ich bin, und ich bin gut so, wie ich bin – für diese Erkenntnis habe ich fast 40 Jahre gebraucht. Aber sie hat mir Zufriedenheit im Leben beschert, spät, aber immerhin! Mein Verhältnis zu mein Mutter bzw. Familie insgesamt ist seither auch wieder besser geworden, wenngleich immer noch distanziert. An einem allzu engen Verhältnis bin ich allerdings auch gar nicht mehr interessiert.Mit all dem bin ich heute in der Lage, auf meinen Sohn einzugehen, ihn vor solch negativen Erlebnissen zu bewahren und ihm eine glückliche Kindheit zu schenken – zumindest ist das mein erklärtes Ziel, und es scheint mir wohl auch ganz gut zu gelingen. Ich weiß nicht, ob mein Sohn hochbegabt ist, er ist nicht getestet. Ich sehe auch keine Veranlassung dazu ihn testen zu lassen, solange kein konkreter Grund vorliegt. Er ist intelligent, clever, sicherlich in vielfältiger Hinsicht besonders, ja, auch „anders“, aber er fühlt sich gleichzeitig wohl, angenommen und glücklich. So schließt sich der Kreis um meine Geschichte, die es ohne meinen Sohn so nicht gegeben hätte und die meines Sohnes, die ohne die meine keinen Sinn ergeben würde…

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