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Die gesellschaftspolitische Plattform zur Entdeckung und Förderung von Begabungen und Talenten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland und Europa.

Viele kennen das Gedicht „Der Panther“. Rilke schildert das Leben eines Panthers in Gefangenschaft. Dieses Gedicht beschreibt mein Leben fast haargenau.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müde geworden,dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäbe keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,der sich im allerkleinsten Kreise ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf.

Dann geht ein Bild hinein, geht durch die Glieder angespannter Stille – und hört im Herzen auf zu sein.“

Mein Name ist Katja, ich habe einen IQ von 169 und ich bin Underachiever. Bis zu meinem 30igsten Lebensjahr war ich dieser Panther, gefangen in einer Welt aus Stäben. Schon als Kind empfand ich mich anders als die Anderen. Ich lernte nicht frühzeitig lesen, erst in der Schule, so wie es sich gehörte. Ich liebte schon immer Zahlen, konnte aber auch nicht frühzeitig rechnen, erst in der Schule, so wie es sich gehörte. Ich machte alle Sachen so wie sie sich gehörten. In meiner Familie war das Motto: „unter keinen Umständen auffallen“, teils geschuldet durch das System, ich wuchs in der DDR auf, teils weil sie ihre Erziehung an mich weitergaben. Und so blieb ich schon als Kind unter meinen Möglichkeiten. Die Grundsteine der Stäbe waren gelegt.In der Schulzeit war ich immer durchschnittlich gut. Gelernt habe ich nie. Ich hätte es auch besser machen können, aber ich wollte ja nicht auffallen. Auch erschlossen sich mir viele Dinge nicht. Warum sollte ich Geschichtszahlen lernen von längst vergangenen Ereignissen? Warum sollte ich ein Gedicht aufsagen, obwohl es schon 10 andere vor mir taten? Fragen zu wissenschaftlichen Phänomenen konnte mir der Lehrer eh nicht erklären und so quälte ich mich gerade zu durch die Schulzeit. Dafür las ich zu Hause Kafka, Rilke und Buzzati. Natürlich heimlich. Es war ja nicht normal und ich wollte doch nicht auffallen.Schon als Kind bemerkte ich die Schwingungen der Anderen. Wenn ich in einen Raum von Menschen kam, konnte ich sagen, ob die Stimmung gut war, ob Streit in der Luft lag oder noch liegen würde. Dies wurde ausgeprägter je älter ich wurde und als Jugendliche machte ich mir oft ein Spiel daraus, ob es auch tatsächlich so war. Nie erzählte ich jemanden von meiner Empathie. Wer hätte es auch schon geglaubt? Und ich wollte doch nie auffallen. „Normal“ war das jedenfalls definitiv nicht.Nun habe ich gelernt, mein Wissen und Können unter den Scheffel zu stellen und meiner Intuition und Empathie zu misstrauen. Doch meine Sensibilität konnte ich nicht immer verheimlichen. Schon als Kind war mir meine gesamte Umwelt zu laut, die Welt zu hektisch, (und das in der DDR), die Menschen zu oberflächlich, die Gerüche zu stark, was dazu führte, dass ich schon als Kind oft überfordert war. Wer konnte denn da ahnen, dass mir der Filter fehlt.Und so baute ich mir mein eigenes Gefängnis, aus dem ich die Welt vor lauter Stäben nicht mehr sehen konnte, kein Laut mehr zu mir kam. Ich fühlte mich zwar sicher, ich kannte mein Gefängnis. Mir konnte nichts passieren. Doch sehnte ich mich nach der wirklichen Freiheit.Nach dem Abitur absolvierte ich eine kaufmännische Ausbildung. Ich lernte übermäßig schnell und habe nach der Ausbildung die Arbeit von drei gemacht. Zufriedenstellend war es nicht. Der Ablauf war immer derselbe, aber ich machte das Beste daraus und wettete mit mir, wie schnell ich wohl dieses Mal sein würde. Die Monotonie machte mich fast krank. Ich fing nebenbei ein Studium an und machte mein Diplom. Arbeit und Studium – nichts besonderes. Machen ja viele.Der Monotonie entwich ich durch einen Jobwechsel. Ich begann in der Projektarbeit. Ich konnte kreativ sein, war auf mich selbst gestellt, erfand eigene Wege. Ja, auf einmal konnte ich besser atmen. Ein Stück Freiheit… und dann sagte mir jemand: Du bist hochbegabt!!! So, what???„Niemand möchte so sein wie der andere. Doch wenn jemand anders ist, fängt das Gerede an“ sagte Kurt Tucholsky.Es verging fast ein Jahr bis ich begriff, es könnte so sein. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt und schließlich psychologische Tests gemacht. Und zu diesem Zeitpunkt war es für mich: „Diagnose hochbegabt“. Die Einstellung von der Krankheit zur Begabung dauerte ebenfalls sehr lange.Mit psychologischer Beratung, Selbstreflexion, ebenbürtigen Gesprächspartnern und einer Menge Mut, bin ich auf dem Weg, die Stäbe zu beseitigen. Es ist wie ein neues Leben. Ich fange noch einmal von vorn an. Ich entdecke mich. Das alte Motto gibt es nicht mehr. Ich bin sowieso immer aufgefallen und zwar als Außenseiter, Einzelgänger, Mimose, Nichtskönner, die, die anders ist.Heute bin ich die Kreative, die, die sich alles merkt, die alles spürt, mehr wahrnimmt, die Introvertierte, die philosophiert, der nie die Fragen ausgehen, ich bin diejenige, die alles schneller macht, und immer mehr als die anderen. Ich bin diejenige, die Logikspiele liebt, sich in der Natur ausruhen kann, immer fünf Bücher gleichzeitig liest, nie zu schlafen scheint. Ich bin die, die Menschenmengen fern bleibt, mit sich allein sein kann und es auch noch toll findet, immer auf der Suche nach Neuem ist und es genießt nie auszulernen. Ich bin diejenige, die entspannt beim Geruch von alten Büchern und der das Herz höher schlägt beim Anblick einer Bibliothek. Ich bin diejenige, die die Last der Welt auf ihren Schultern trägt und ich bin diejenige, die damit nun auffällt.Die Stäbe sind weg, eingerissen. Die Freiheit ist beängstigend. Doch die Leute hätten nichts zu reden, wenn ich nicht anders wäre und heute mache ich ihnen einfach die Freude.

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